21. THE ART OF MATHEMATICS

Lieber Erdling,

hast Du Dir mal Gedanken darüber gemacht, warum so viele Erdlinge Mathe regelrecht hassen? Wenn man all die Schönheit mathematischer Ideen und Konstruktionen sieht und den Spaß, den es macht, neue Zusammenhänge zu entdecken, dann ist das doch irgendwie unlogisch.

Und jetzt komm mir bitte nicht mit dem Argument, Mathe sei für manche Erdlinge einfach zu schwer, um daran Spaß zu haben. Das lasse ich nicht gelten. Es gibt viele Erdlinge (und natürlich auch Pirks hier), die können weder singen noch ein Instrument spielen, geschweige denn ein Lied oder ein Musikstück schreiben, und dennoch lieben sie Musik! Naja, zumindest gewisse Musikrichtungen. Ähnlich ist es doch auch mit Malerei. Viele schauen sich Kunstwerke (mehr oder weniger) berühmter Maler an, sind begeistert, obwohl sie nie solch ein Kunstwerk erstellen könnten. Dennoch lieben es viele zu malen. Selbst dann, wenn das Ergebnis manch anderem Betrachter ein mitleidiges Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Doch sie haben Spaß daran!

Warum ist das in der Mathematik anders?

Ich habe letztens ein sehr interessantes Buch gelesen: A Mathematician’s Lament: How School Cheats Us Out of Our Most Fascinating and Imaginative Art Form (*), in dem der Autor Paul Lockhart genau diesen Punkt aufgreift:

Stell Dir vor, im Musikunterricht würden die Schüler keine Musikstücke hören oder gar selbst musizieren und singen, ohne zuerst die „Sprache der Musik“ zu erlernen. Natürlich! Zuerst muss ein Schüler fließend darin sein, bevor man ihm auch nur erlauben könnte, selbst damit zu spielen und zu musizieren. Und so lehrt man, wie man die diversen Zeichen anordnen und nach welchen Regeln man sie manipulieren kann. Erklärt damit Harmonien und was man sonst noch braucht, um später vielleicht mal ein großer Musiker oder Komponist zu werden. Anders kann das ja nicht funktionieren!

Oder stell Dir vor, im Kunstunterricht würde man keine Kunstwerke anschauen und analysieren oder gar selbst malen, ohne erst in die Tiefen der Farblehre eingeführt worden zu sein. Und so gibt es Kurse „Malen nach Zahlen für die Grundschule“ bis nach einigen Jahren den Fortgeschrittenen-Kurs „Malen nach Zahlen für Profis“. Wirklich frei mit Farben zu malen wäre in dieser Welt nur am Ende des Studiums einigen wenigen „Erleuchteten“ vorbehalten. Ja, anders kann das auch nicht funktionieren!

Du hast sicherlich hier und da geschmunzelt und mit dem Kopf geschüttelt, stimmt’s?! Kein einigermaßen klar denkender Erdling würde Musik oder Malerei/Kunst so unterrichten.

Und warum unterrichtet man dann Erdlingen Mathematik genau so?

Warum lässt man Schüler nicht mit Zahlen, Formen und Konzepten spielen? (Außer vielleicht anfangs im Kindergarten und der Grundschule.) Warum lässt man sie nicht selbst mathematische Zusammenhänge erkennen? Warum lässt man sie nicht dieses Glücksgefühl erleben, etwas (für sie) Neues zu entdecken? Ja, vielleicht werden sie kein zweiter Gauß…aber sie würden Spaß haben!

Du meinst, wenn man ihnen so viel Zeit zum experimentieren und spielen lassen würde, dann würden viele keinen Dreisatz oder Prozentrechnung lernen? Hmm…dann frage ich mich doch, wie viele Erdlinge dies denn heutzutage in der Schule tun. Wie viele haben denn den Dreisatz oder Prozentrechnung verstanden, wenn sie die Schulzeit beenden? Und das sind völlig simple Themen im Vergleich zu trigonometrischen Funktionen oder gar Differential- und Integralrechnung.

Vielleicht ist es an der Zeit umzudenken?! Mehr Spaß an Mathematik. Mehr experimentieren mit Mathematik. Mathematik ist Kunst! Vielleicht sollte man sie jungen Erdlingen auch als solche vermitteln. Ähnlich wie Musik und Malerei. Hier auf Pirk tut man das und so gibt es sehr viele Mathe-Begeisterte wie Rudi und mich.

Denk mal drüber nach!
Deine 3,7

2 Gedanken zu „21. THE ART OF MATHEMATICS“

  1. Hallo, ich finde eure Gedanken schön. Die einzige Problematik, die ich sehe ist, dass man sich auch anstrengen muss, um Mathe zu verstehen und anzuwenden, zumindest in vielen Bereichen, selbst wenn es angenehm aufgebaut ist. Es kostet teilweise viele Ressourcen. Das andere Problem ist, dass man ein Bild oder Musik toll finden kann ohne Hintergründe zu verstehen. Man versteht irgendwie, dass es harmoniert. Das geht in der Mathematik nur teilweise. Die Integralrechnung kann man durch einfache Sinneswahrnehmung nicht wirklich verstehen. Ich denke aber, dass es vor allem darum geht den Stoff anschaulich und ansprechend aufzubereiten. In der Mathematik ist eine große Hürde zu verstehen, was die anderen nicht verstehen. Das sollte meiner Meinung nach der erste Ansatz sein, um Menschen dafür zu begeistern.

    1. Hallo Rudi,

      danke für Deinen Kommentar! Wenn ich mal Dein Beispiel „Integralrechnung“ als Gleichnis auf ein tolles Gemälde (such Dir eines aus) übertrage: Dann sieht man (oder auch nicht) eine gewisse Schönheit darin. Die meisten von uns können aber weder aus dem FF sagen, aus welcher Epoche/Stilrichtung das Bild ist, mit welchen Farben oder Malstil auf welchem Material es produziert wurde. Das Analogon in der Integralrechnung wäre für mich, dass man vermittelt, was die Idee hinter der Integralrechnung ist und was daran so toll und nützlich ist. (Das geht ja doch recht anschaulich und ich denke, auch 3,7 wird da irgendwann mal einen Brief dazu senden. Mal ganz abgesehen, dass ein schön geschriebenes Integralzeichen auch recht hübsch anzuschauen ist.) Es geht hier nur um das Betrachten und nicht die Durchführung.

      Wirklich Integrale auszurechnen geht hier also schon in die eigentliche (mathematische) Malerei hinein. Dies kann man als Schüler dann mehr oder weniger gut verstehen und mehr oder weniger gut selbst durchführen. Aber es bleibt natürlich klar: ohne Übung und Fleiß kommt man auch in der Mathematik nicht weit. Man sollte sich jedoch von der Vorstellung lösen, dass jeder Mensch ein Mathematiker werden muss. Es erwartet ja niemand von uns, dass jeder Mozart oder Rubens Konkurrenz machen könnte, oder?!

      Was aber sicherlich geht, ist den Schülern ein Grundverständnis für Themen und Ideen in der Mathematik zu vermitteln, quasi eine mathematische Allgemeinbildung, wobei diejenigen Schüler, die später tiefere mathematische Konzepte brauchen, diese Pinselstriche an passender Stelle vertiefend erlernen sollten. Und dann wirst Du sehen: vielen wird Mathe in der Schule Spaß machen, auch wenn sie weiterhin sagen werden, dass sie Mathe nie in ihrer Tiefe verstehen werden.

      Ja, es ist eine große Hürde zu verstehen, was die anderen nicht verstehen. Dieser Prozess wird jedoch wesentlich einfacher, wenn überhaupt ein Interesse besteht, Mathematik besser zu verstehen. Und da hilft der Spaßfaktor ungemein. Und ich denke, hier ist der eigentliche Hebel, womit wir viel mehr Schüler (wenn auch nicht alle!) erreichen und ihnen die Schulzeit leichter und schöner gestalten können.

      Raymond

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